Pressespiegel und Hintergrundinformationen zu aktuellen antisemitischen Vorfällen

[Update vom 17.10.]

Studierende, die sich am Telefon mit “Heil Hitler” melden.
Rassistische Prahlereien und antisemitische Textzeilen.
Faschistische Grußformen und wehrmachtsähnliche Kleidung.
Eine Kellerbar: gebaut aus Sandsäcken, dekoriert mit Stahlhelmen, beschallt mit Nazimusik.
https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-heidelberg-die-normannia-hat-immer-alles-intern-geregelt-update-_arid,562119.html

Dazu: “Alte Herren”, die davon nichts gewusst haben wollen.
Die jahrelang Rechtsradikale ein- und ausgehen sahen, bierselig neben Hitlergrüßen posierten, Eskapaden nachweislich deckten – und glaubten, ihre Nachwuchsfaschisten mit Strafzahlungen zügeln zu können. Für jeden Hitlergruß: 50 Euro in die Burschenschaftskasse. Das wird ihnen eine Lehre sein!
https://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/495/honorige-altherren-und-junge-patrioten-7002.html

Zudem: Bekannte Gesichter aus Politik, Polizei, Wirtschaft und Justiz, die zu den “Alten Herren” der Normannia gehören. Ein Innenminister, der diesem Milieu mittelbar ebenfalls angehört, Zweifel an der neutralen Aufklärung der Vorfälle jedoch für unangebracht hält.
Obwohl die Ermittlungsbehörden sein Ministerium schon kurz nach der Tat einschalteten, die Öffentlichkeit aber auffällig lange uninformiert ließen. Obwohl sie erst auf externen Druck hin über den Vorfall informierten und zugleich zu relativieren versuchten, indem sie von einer Burschenschaftstradition fabulierten, die nachweislich erst nach der Tat erfunden wurde. Und obwohl der Verfassungsschutz es bislang nicht als notwendig erachtete, die Normannia unter Beobachtung zu stellen, und den Sicherheitsbehörden angeblich keine Erkenntnisse vorlägen, dass in der Vergangenheit weitere antisemitische oder rechtsextremistisch motivierte Vorkommnisse in deren Räumlichkeiten stattgefunden hätten. Wozu gemäß § 86a StGB übrigens auch Hitlergrüße gehören.
https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-normannia-heidelberg-ist-die-normannia-ein-prueffall-fuer-den-verfassungsschutz-update-_arid,545892.html
https://www.watson.de/deutschland/analyse/921979117-rechtsextreme-burschenschaften-antisemitischer-vorfall-in-heidelberger-verbindung

Und schließlich, als Krönung des Ganzen: Könnte sich selbst die Annahme, dass die Aktivitas aufgelöst und den rechten Umtrieben in der Villa Stückgarten ein Ende gesetzt wurde, als voreilig erwiesen haben…
https://kommunalinfo-mannheim.de/2020/10/06/ein-blick-in-den-braunen-sumpf-der-oberschicht-interview-mit-der-aihd-zur-burschenschaft-normannia/


Kleine Ergänzung: Auf Instagram wurde uns die Frage gestellt, was eigentlich mit den Studierenden passiert, die in den antisemitischen Vorfall von Ende August involviert waren, also ob sie an der Uni bleiben (dürfen). Unsere Antwort dürfte auch Nicht-Instagram-User interessieren, daher sei sie an dieser Stelle dokumentiert:

“Schwer zu sagen. Das Landeshochschulgesetz erlaubt es Universitäten, Studierende zu exmatrikulieren, die eine Freiheitsstrafe verbüßen. Vor einer rechtskräftigen Verurteilung gibt es jedoch keine Handhabe. Das macht es kompliziert, denn die Staatsanwaltschaft hat gegenüber der Rhein-Neckar-Zeitung zugegeben, dass Mitglieder der Normannia in strafrechtlich relevante Vorfälle verwickelt waren (u.a. einen Überfall auf ein linkes Mannheimer Kulturzentrum im Januar 2019 sowie einem offenkundig ebenfalls antisemitisch motivierten Angriff auf einen Studierenden im Mai 2019, was von Seiten der Ermittlungsbehörden übrigens niemals publik gemacht wurde, warum auch immer) – jedoch z.T. offen gelassen, wie die zugehörigen Verfahren ausgingen. Ob die rechtliche Grundlage also schon aufgrund früherer Fälle gegeben ist, ist unklar.

Was den aktuellen Vorfall angeht: Das Opfer hat unmittelbar nach dem Übergriff Anzeige erstattet. Offenbar wird gegen acht Personen ermittelt, von denen nicht alle in Heidelberg studieren, mindestens zwei aber wohl Mitglied der Normannia sein sollen. Mal schauen, wie lange sich das Verfahren hinzieht, wie die Urteile lauten werden und ob die breite Öffentlichkeit jemals davon erfahren wird…”


[Update vom 05.10.]

Die Nachrichtenlage, an einem ganz gewöhnlichen Montagmorgen, in diesem ach so toleranten Land:

» Ein jüdischer Student wird in Hamburg vor einer Synagoge attackiert. Von einem Mann in Militärkluft, mit einem Spaten in der Hand und einem Hakenkreuz-Zettel in der Tasche, und das alles genau ein Jahr nach dem Anschlag von Halle…
https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Juedischer-Student-vor-Hamburger-Synagoge-schwer-verletzt,synagoge444.html

» Vor der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg taucht ein verdächtiges Päckchen auf. Spezialkräfte des LKA rücken an, die umliegenden Straßen werden gesperrt, bis sich der Inhalt erfreulicherweise als ungefährlich herausstellt…
https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-heidelberg-verdaechtiges-paket-vor-der-hochschule-fuer-juedische-studien-_arid,559362.html

» In der Causa Normannia geht es weiterhin nur schleppend voran. Einem großen Mannheimer Unternehmen bleibt nichts anderes übrig, als einen ihrer Geschäftsführer freizustellen, weil ein geleaktes Hitlergruß-Photo dann doch einen Tick zu erklärungsbedürftig war – all die Infos, die schon Wochen vorher über ihn publik geworden waren (und unzweifelhaft über seine Gesinnung Auskunft geben), aber offenbar nicht…
https://de.indymedia.org/node/104826
https://de.indymedia.org/node/106881
https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-hitlergruss-im-normannia-haus-geschaeftsfuehrer-der-mvv-regioplan-freigestellt-_arid,559422.html

In diesem Sinne einmal mehr unser Appell: sich der historischen Verantwortung stellen, antisemitisches Gedankengut bekämpfen, Zivilcourage zeigen! Und: endlich Konsequenzen ziehen!
https://www.stura.uni-heidelberg.de/2020/09/10/pressemitteilung-der-heidelberger-studierendenschaft-zu-aktuellen-antisemitischen-vorfaellen


[Originalpost vom 11.09.]

» Die jüngsten Vorfälle rund um die Burschenschaft Normannia haben auch bei der Verfassten Studierendenschaft der Universität Heidelberg Bestürzung ausgelöst. Wir verurteilen den antisemitischen Angriff auf einen Studierenden auf das Schärfste, schließen uns der Forderung nach einer lückenlosen Aufklärung des Falls an und fordern weitreichende Konsequenzen, die über etwaige strafrechtliche Konsequenzen für einzelne Beteiligte hinausgehen. Gerade wegen der beschämenden Vergangenheit der Heidelberger Studierendenschaft sehen wir uns in einer besonderen Verantwortung, dass weder nationalsozialistisches Gedankengut noch Antisemitismus jemals wieder einen Platz an unserer Universität – oder überhaupt in unserer Gesellschaft – finden.

Unsere gesamte Stellungnahme im Wortlaut:
[https://www.stura.uni-heidelberg.de/2020/09/10/pressemitteilung-der-heidelberger-studierendenschaft-zu-aktuellen-antisemitischen-vorfaellen]

» Zumindest was die Sache mit der besonderen Verantwortung angeht, scheinen das die Entscheidungsträger*innen an unserer Hochschule leider etwas anders zu sehen. Der Mannheimer Morgen jedenfalls berichtet wie folgt:
“Für die Universität Heidelberg besteht nach dem antisemitischen Vorfall indessen keinerlei Handlungsbedarf, wie eine Sprecherin dieser Redaktion auf Anfrage sagte. Es bestehen demnach keinerlei institutionellen Kontakte der Universität zu irgendeiner Studentenverbindung. Dies sei eine ‘Privatangelegenheit von Personen, die sich in irgendwelchen Netzwerken zusammengefunden haben’, sagte die Sprecherin der Universität Heidelberg, Marietta Fuhrmann-Koch.”
[https://www.morgenweb.de/mannheimer-morgen_artikel,-heidelberg-appell-zivilcourage-zeigen-_arid,1686511.html]

» Solltet ihr das entschieden anders sehen und sehr wohl “Handlungsbedarf” erkennen, bietet sich bereits heute Abend – in Blickweite zur Universitätsleitung – eine erste Gelegenheit dazu: nämlich in Form der Kundgebung “Entschlossen gegen Antisemitismus”, die um 17 Uhr auf dem Universitätsplatz startet und in der Stadtöffentlichkeit auf den Vorfall aufmerksam machen möchte.
[https://www.facebook.com/events/263584757960389]

» Zudem sei darauf hingewiesen, dass es zwar nicht völlig unwahr respektive irreführend ist, von “keinerlei institutionellen Kontakte der Universität zu irgendeiner Studentenverbindung” zu sprechen, dass es aber sehr wohl enge personelle Verflechtungen gibt. Um das herauszufinden, bedarf es auch gar nicht erst aufwendiger Recherchen: Einfach nur den Namen des Rektors sowie des Kanzlers in eine Suchmaschine einzugeben, genügt vollkommen. Derart erfährt man dann auch, dass sich manch einer “wieder ein innigeres Miteinander der Heidelberger Korporationen mit der Universität” wünscht und das Verbindungswesen in vielerlei Hinsicht als Vorbild für die Zukunft von Universität und Studierendenschaft erachtet.
[https://www.uni-heidelberg.de/md/unimut/um203.pdf]
[http://www.burschenschaftsgeschichte.de/pdf/gfbg-jahresgabe-2009.pdf]

» Ihr seid noch nicht völlig desillusioniert und frustriert, sondern an weiteren Informationen interessiert? Hier findet ihr hier ein paar ausgewählte Medienberichte über den Vorfall…
[https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-verbindung-normannia-heidelberg-innenminister-verspricht-nachdruck-bei-der-aufklaerung-_arid,545892.html]
[https://www.heidelberg24.de/heidelberg/heidelberg-normannia-burschenschaft-antisemitismus-juden-hass-guertel-geschlagen-misshandelt-studenten-verbindung-polizei-rabbi-90039380.html]
[https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/mannheim/burschenschafter-greifen-in-mannheim-juden-an-100.html]
[https://www.juedische-allgemeine.de/politik/als-jude-geoutet-burschenschafter-schlagen-gast-mit-guerteln/]
[https://www.sol.de/news/update/News-Update,498616/Heidelberg-Nach-Vorfall-bei-Normannia-Saarbruecker-Burschenschaft-in-der-Kritik,498628]

»  … und hier Hintergrundinformationen zum Verbindungswesen im Allgemeinen, der Burschenschaft Normannia im Speziellen sowie der unrühmlichen Vergangenheit der Heidelberger Studierendenschaft:
[http://www.asta-hannover.de/wp-content/uploads/2012/08/Heidelberg-Du-Feine.pdf]
[https://asta-frankfurt.de/aktuelles/autoritaer-elitaer-reaktionaer]
[https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/256889/burschenschaften]
[https://rdl.de/beitrag/normannia-eine-harte-eingeschworene-neonazitruppe]
[https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/256889/burschenschaften]